20. November 201613:10

Bis ans Ende der Geschichte - Jodi Picoult

Titel: Bis ans Ende der Geschichte
Autor: Jodi Picoult
Seitenanzahl: 576
Verlag: Penguin


Sage Singer ist eine junge, leidenschaftliche Bäckerin. Als sie den allseits beliebten, pensionierten Lehrer Josef Weber kennenlernt, entwickelt sich trotz des großen Altersunterschied schnell eine enge Freundschaft zwischen ihnen.
Doch dann offenbart Josef ihr ein lange vergrabenes, entsetzliches Geheimnis. Das stellt Sage vor die schwerste Entscheidung ihres Lebens...

Wie man es von Jodi Picoult gewohnt ist, wird der Roman aus verschiedenen Erzählsperspektiven geschildert. In diesem Roman hatte jeder Erzähler eine eigene Schriftart, was mir sehr gut gefallen hat!
Die 25-jährige Sage Singer war mir von Beginn an sympathisch. Sie hat sich nach einem Autounfall komplett zurück gezogen. Es sind sichtbare sowie unsichtbare Narben zurückgeblieben, die sie dazu veranlasst nachts in einer Bäckerei zu arbeiten, um den Menschen aus dem Weg zu gehen. 
In einer Trauergruppe lernt sie den 95-jährigen Josef kennen, der ursprünglich aus Deutschland stammt und ein sehr geschätztes Mitglied der Kleinstadtgemeinde ist. Als sich beide anfreunden und sich näher kennenlernen, weiht er sie in seine düstere Vergangenheit ein und bittet sie um einen Gefallen, der sämtliche ihrer Moralvorstellungen über den Haufen wirft.
Im Zuge dessen lernen wir auch Leo kennen, der für eine US-Behörde ehemalige Kriegsverbrecher aufspürt.
Außerdem gibt es noch den Abschnitt der einem Märchen ähnelt und am Anfang nicht wirklich zu der Geschichte dazu passt. 
Aber den größten Raum in diesem Werk nehmen jedoch die Erzählungen von Sage Großmutter, Minka ein. Sie ist die Mutter von Sages Vater und stammte ursprünglich aus Polen, Aufgrund ihrer jüdischen Wurzeln hat sie eine Jugend durchlaufen, die der Hölle am nächsten kommt.
Die Erzählstränge werden geschickt miteinander verbunden und ergeben ein erschütterndes aber auch hochemotionales Gesamtwerk. Der Roman hat mich an manchen Stellen so sehr mitgenommen, dass ich ihn ein paar Mal zur Seite legen und pausieren musste.
Ich habe schon einige Romane gelesen, die viel mit dem Thema Nationalsozialismus zu tun hatten, aber dennoch hat es bislang keiner geschafft die Beschreibungen so realitätsnah erscheinen zu lassen, dass sie einem wahnsinnig machen und den Atem rauben. 
Einige Passagen haben mich so wütend aber gleichzeitig auch traurig gestimmt. Man bekommt als Leser das Gefühl, hautnah in den Geschehnissen dabei zu sein und genau das ist der Grund wieso ich Jodi Picoult für eine irrsinnig gute Autorin halte.
Das Ende hat mich persönlich total überrascht, sodass ich erst einmal einige Zeit über meine Meinung zu diesem Buch nachdenken wollte. Auch wenn ich manchmal die Entscheidungen der Charaktere nicht nachvollziehen konnte, sehe ich, was die Autorin damit bezweckt hat.
Was ist mittlerweile über Jodi Picoults Romane gelernt habe ist, dass man bei ihr vor allem zwischen den Zeilen lesen muss. 
Keine Handlung oder Unterhaltung wurde ungeplant in die Erzählungen eingefügt. Sie versucht den Lesern mit ihren Erzählungen zum Nacharbeiten des Gelesenen anzuregen und seine eigenen Moralvorstellungen einer genaueren Untersuchung durchzuziehen. 

"Bis ans Ende der Geschichte" ist ein Werk, dass mich zum Innehalten gebracht und zum Nachdenken angeregt hat. Das Buch stellt die menschlichen Charaktereigenschaften in Frage und zeigt, dass wir nicht einfach in gut und böse zu unterteilen sind.
Es hat schon lange kein Roman mehr geschafft, mir so den Atem zu rauben und mich während des Lesens aufzuwühlen. Es ist ein Werk, für das man sich Zeit nehmen sollte. Dafür erhält man eine intelligente, gut recherchierte und einfülsame Geschichte, die einem auch nach dem Beenden nicht so schnell loslassen wird.
Eine klare Leseempfehlung meinerseits!



"Jede Erinnerung ist eine Papierblume im Ärmel eines Zauberers,
gerade eben noch unsichtbar und gleich darauf so gegenwärtig
und blühend, dass ich mir nicht vorstellen kann, wieso sie sich
die ganze Zeit versteckt hatte. Und wie die in die Welt entlassenen
Papierblumen lassen sich auch die Erinnerungen unmöglich
wieder wegstecken."







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